Böhmische Dörfer

Als „Sudetendeutsche“ werden die Menschen der deutschsprachigen Minderheit bezeichnet, die in der nach 1918 gegründeten Tschecheslowakei lebten. 1945 flohen die meisten von ihnen, wurden vertrieben oder von der Tschecheslowakei offiziell ausgesiedelt. Auf der böhmischen Seite des Erzgebirges gibt es ihre Spuren bis heute in den Ruinen verlassener oder geschliffener Siedlungen.
Etwas weiter südlich Richtung Plzeň (Pilsen) wurde in dem winzigen Örtchen Luková die ehemals sudetendeutsche St. Georg Kirche auf ungewöhnliche Weise wiederbelebt. Der Bau war für Dekaden größtenteils ungenutzt gewesen, 1968 war sogar das Dach zusammengebrochen. 2012 machte der Künstler Jakub Hadrava aus ihr die „Kirche der verlorenen Seelen“ („kostel svatého Jiří“). Er fertigte für seine Bachelor-Arbeit an der Kunsthochschule Gips-Abformungen von Kommilitonen und Freunden. Es sind einfach nur in Gips getauchte Laken und Spitzengardinen. Die Silhouetten unter den Faltenwürfen lassen genug von Person und Haltung erahnen, um die Kirche mit dem Echo echter Menschen zu beseelen. Der Künstler will damit nicht nur an die ehemaligen Anwohnenden erinnern. Nach eigenen Worten sieht er in Kirchen einen Ort, der das Gute in Menschen fördern soll. Im Verfall von Kirchen zeige sich auch der geistige Abbau der Menschen.
Hadrava arbeitet aktuell nicht als Kunstschaffender. Er lebt inzwischen als Landwirt mit Frau und Kindern in der Umgebung.

Der frisch restaurierte Chor
Der Blick von der Empore zeigt die Veränderungen nach der Restauration vor einigen Jahren besser: Ursprünglich waren die Geister beiderseits eines Mittelgangs innerhalb des gesamten Kirchenschiffs gestreut. Unter der Empore hinten am Westausgang gab es mehrere stehende Figuren. Inzwischen sind es statt zwei Sitzbankreihen nur doch eine, dafür mittig mit mehr Platz zum Umgehen. Die Mehrzahl der verbliebenen Figuren in den Bänken ist beschädigt, oft fehlen Köpfe. Gips ist als Material eben einfach fragil. Die hohe Luftfeuchtigkeit im Winter wird ebenfalls schaden.

Die Installation ist schnell zum Anziehungsort für Lost Places Fotografierende geworden. Ich habe es bereut, den Ort nicht früher besucht zu haben (er ist nur einen Katzensprung von meinem Geburtsort entfernt). Inzwischen ist die Kirche am Wochenende belebter, als es sich die Beteiligten des Projektes je gewünscht haben werden. Während der vierstündigen Öffnungszeit sonntags fallen gleichermaßen Individualreisende und Busse mit Kaffeetouristen über den winzigen Ort her – ein Paradebeispiel für Overtourism:

Die inszenierte Menschenleere trifft nur außerhalb der Öffnungszeiten zu. Das folgende Foto unten ist ein Vertikalpanorama aus drei Einzelaufnahmen. Insgesamt brauche es fast eine Stunde (!), bis sich ein Moment ergab, in dem niemand durchs Bild lief.
Ein Paar

Ich konnte mich etwas länger mit dem ehemaligen Bürgermeister unterhalten, der an diesem Tag im August die Kirche öffnete und die Besuchenden führte. Man freue sich über den Erfolg, aber finanziell profitieren tue der Ort davon nicht – der Eintritt funktioniert auf Spendenbasis. Es ist online zu lesen, dass mit den Spenden die Restauration des Daches und der Fassade gestemmt werden konnte. Das stimmt so nicht. 90% der Kosten wurden öffentlich finanziert, 10% mussten von vor Ort kommen – und es deutete sich im Gespräch an, dass Eintritte und Touristenspenden überschaubar sind. Der Mann war sehr geduldig, aber ärgerte sich zurecht über Leute, für die er extra die Kirche offen hielt – nur damit diese nach stundenlangem Fotografieren 5 Euro in die Schale legten.

Daher an dieser Stelle an alle Foto-Enthusiasten die Erinnerung: Wer sich eine teure Ausrüstung und den Trip ins Tschechische leisten kann, sollte auch das Geld haben, die unentgeldlich arbeitenden Freiwilligen dort ordentlich zu entlohnen!
Projekte wie dieses sind Weiße Elefanten für alle, die sie betreiben. Engagierte Menschen tun das gern, aber auch ihre Hingabe ist endlich und mündet mangels Wertschätzung oft in Frust. Deshalb bin ich zwiegespalten, den Besuch überhaupt zu empfehlen. Zudem ist die Installation auch nach dem Umbau noch genial, aber hat weniger fotogene Einzelansichten.

Alle stehenden und ein Großteil der sitzenden Figuren sind aus dem Kirchenschiff in den Chor gewandert, versammeln sich jetzt unter dem blauen Kreuzrippengewölbe von Sternen.

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Boží Dar (Gottesgab) ist mit 1028 m über dem Meer die die höchstgelegene Ortschaft Tschechiens. Heute ist es das kleine Dorf in erster Linie Ziel für Wintersporttouristen am Erzgebirgsgebirgskamm. Aber ursprünglich wurde die Region von deutschsprachigen Bergleuten erschlossen. Der Teilort Ryzovna (Seifen) ist wahrscheinlich nach den Zinnablagerungen benannt, die hier abgebaut wurden. Abgesehen von einer unregelmäßig geöffneten Gaststätte in der ehemaligen Schule dient die Wüstung heute nur noch als Viehweide.
Dabei ist der Ort zwar am Rande der Welt, aber nicht aus der Welt. Von hier stammen die Proben, aus denen Martin Klaproth 1789 erstmals Uranium gewann (allerdings unwissend und als Oxid). Aufbauend auf den Arbeiten Marie Curies wies der Brite William Crookes 1906 in einem Gestein aus Seifen erstmals die Radioaktivät von Uranium-Isotopen nach.

Hochmoor bei der ehemaligen Ortschaft Seifen/Ryzovna. Erzgebirgskamm. (550nm Nahinfrarot, channel swapped).

Seifen ist außerdem der Geburtstort von Dora Richter, der ersten namentlich bekannten Person, die sich einer kompletten Geschlechtsangleichung unterzog. Ihr Geburtshaus existiert nicht mehr, befand sich nahe der Waldgrenze am linken Bildrand des Baumfotos oben. Sie selbst überlebte die Zerstörung des Berliner Hirschfeld-Instituts und entging der Nazi-Diktatur durch ihr Exil-Dasein im entlegenen Erzgebirge. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie nach Bayern vertrieben. Wer mehr zu ihrer Lebensgeschichte lesen möchte, sei an dieser Stelle auf die Recherchen der Lilli-Elbe-Bibliothek verwiesen.

Auf der Südseite des gleichen Hügels wurde im Kalten Krieg eine Radar-Station errichtet. Das Areal und die zugehörige Kaserne sind heute ebenso Ruinen wie das Bergbaudorf.

Vugelbehrbahm auf dem Erzgebirgskamm. (550nm Nahinfrarot, channel swapped)
Schafsherde auf dem Heimweg. (550nm Nahinfrarot, channel swapped)
Randgebäude einer ehem. Rotarmisten-Kaserne in Hřebečná, Erzgebirgskamm. (550nm Nahinfrarot, channel swapped)
Die Innenräume des Sanitärtraktes der Kaserne. Das obige Bild ist keine absichtliche Bildmanipulation, sondern ein Software-Unfall. Rawtherapee ist ein extrem zuverlässiges Programm, dieser Glitch beim digitalen Entwickeln war der erste und einzige, der mir je untergekommen ist. Aber das Ergebnis passt so genial zu den Bildlinien und dem Grafitti, dass daraus Zufallskunst wurde.
Etwas oberhalb der Kaserne, auf dem Bergkamm mit Blick Richtung Seifen/Ryzovna, stehen die Reste der Radarstation. Frühabendsonne scheint durch die hohlen Zähne, die einst Ziegelwände waren.