Sommeratmosphäre

Das Wetter im anthropozänen Zeitalter macht keine Faxen. Die Treibhausgas-Emissionen der industrialisierten Welt führen zu einer wärmeren Atmosphäre. Der Energiehaushalt der Erde verändert sich, Temperatur- und Niederschlagsextreme nehmen zu. In Mitteleuropa werden beispielsweise lokale Starkregenereignisse häufiger. Sie mögen faszinierend zu beobachten sein, aber allerspätestens wenn man ihre Zerstörungskraft am eigenen Leib erlebt, muss klar werden, welche unkontrollierbare Gewalt wir heraufbeschworen haben.

150° Panorama der Superzelle, die am 01. Juni 2025 Kirchberg und Vellberg teilweise verwüstete. Fotografiert gegen 21:00 Uhr kurz nach Sonnenuntergang bei Blaufelden. Das Abendrot gab den Wolken eine noch bedrohlichere Wirkung. Es war kein Bluff, das Unwetter brachte hühnereigroßen Hagel und Überschwemmungen.
Ausschnitt aus dem Panorama oben.

Der Sommer 2026 war ebenfalls von Extremwetter geprägt, allerdings vorwiegend Trockenheit und Hitze. Er war nach 2003 der zweitwärmste seit Aufzeichnungsbeginn. Mehrere, teilweise direkt aneinander anschließende Hitzewellen mit Temperaturen bis zu 40°C lasteten auf Umwelt und Menschen.

Wetterleuchten Ende Juni 2026. Viele erdgebundene Blitze am Horizont. Für Heilbronn und Würzburg war es ein ungemütlicher Abend, Hohenlohe blieb größtenteils verschont.
Sonnenuntergang im Rücken eines Hitzegwitters Mitte Juli. Es brachte wenig Regen.

Für Mitteleuropa traf es Frankreich wahrscheinlich am schlimmsten. Neben den verheerenden Waldbränden in den Kiefernmonokulturen bei Bordeaux gab es um die Pyrenäen schwere Stürme, sogar einen Tornado mit amerikanischer Zerstörungskraft.
Unsere Reisegruppe hatte Mitte August das Basislager für die Sonnenfinsternis im französischen Baskenland. An zwei Abenden trafen uns Ausläufer von schweren Gewittern, die landeinwärts wüteten. An der Küste hatten wir dagegen Gelegenheit, ein seltenes Wolkenphänomen in wunderbarer Ausprägung zu erleben.
Mammatus-Wolken erscheinen als traubenförmige Ausbeulungen, besonders dramatisch bei Sonnenuntergang. Da sie meist an den Rändern von Cumulonimbus-Wolken sitzen, ist ihre Botschaft lapidar ausgedrückt: „Sind wir nicht hübsch? P.S.: Hier kanns gleich richtig abgehen. Lauf! :)“ In der folgenden Nacht fielen auch tischtennisball große Hagelkörner, diese hatten aber zumindest an unserem Standort nicht genug Geschwindigkeit, um größere Schäden anzurichten.

Ein Panorma aus mehreren Aufnahmen. Mitten im Ort ist es verboten (als Tourist zudem extrem unhöflich) die Drohne steigen zu lassen, daher nur Handybilder.
Labenne-Océan, 08.August 2026, gegen 21:30 Uhr

Mammaten können auch in Deutschland beobachtet werden, hier erscheinen sie aber meist nicht so surreal. Hier ein Beispiel aus dem vorherigen Jahr:

Abziehendes Gewitter im August 2025. In Mittelfranken war die Perspektive vermutlich spektakulär.

Zurück in Süddeutschland dachte ich, nach Regenbögen, Gewittern, Mammaten, und Sonnenfinsternis alles abgehakt zu haben, was an Himmelserscheinungen für die Sommermonate 2026 absehbar war. Ich freute mich auf eine Fotopause vor dem Beginn der Nebelsaison. Nunja:

28.08.2026, gegen 19:40 Uhr. Unfassbar. Gegendämmerungsstrahlen (Anticrepuscular Rays) wortwörtlich vor der Haustür!
Das ist kein (irdischer) Mega-Scheinwerfer, sondern eine optische Täuschung. Ein Lichtstrahlenbündel scheint durch eine Wolkenlücke im Rücken der Kamera. Die gebrochenen Strahlen der tief stehenden Abendsonne reichen so weit über den Himmel, dass sie sich am gegenüberliegenden Horizont verkürzen. So erscheint eine Fächerform, die es eigentlich nicht gibt. Das Phänomen ist so selten, dass nicht einmal eine deutschsprachige Wikipedia-Seite dazu existiert, daher hier die englische.
Im Dronenbild unten links ist der Ursprung besser nachvollziehbar:
Der Effekt war ungefähr 15 Minuten am Himmel sichtbar.
Und als ob der Todesstrahl nach Südosten nicht genug gewesen wäre, zog zeitgleich im Osten eine Gewitterzelle ab, die von der Abendsonne zum explodierten Vulkan inszeniert wurde.
Am Südhimmel gab es auch noch Mammaten, aber die waren bei Weitem nicht so spektakulär wie obige Beispiele. Dafür hielten sie ihr Schlechtwetterversprechen. Die dazugehörige Gewitterformation kippte in 20 Minuten ca. 20 l/m2 Starkenregen über die Region. Die Feuchtigkeit war dringend notwendig, aber beileibe nicht ausreichend, um die Folgen des Dürresommers abzufangen.