
Anno 1999 im Großraum Stuttgart konnte ich einen Augenblick die verdeckte Sonne mit pinken Protuberanzen erhaschen, bevor sich die letzten Wolkenlücken schlossen. Aber der Verdunklungseffekt oder andere Phänomene, von denen Astronomiebegeistere so schwärmten? Ein Theatervorhang, wie in Ippolito Caffis Gemälde? Fehlanzeige. Insgesamt eher underwhelming. Pffft. War Herr Caffi da wirklich Augenzeuge oder hat er nach Berichten frei interpretiert?
27 Jahre später muss ich mich bei Ippolito entschuldigen: Er hat den Effekt perfekt getroffen – wenngleich natürlich im Verständnis eines Menschen vor dem fotografischen Zeitalter. Und ich kann den Begeisterten Recht geben: Eine wolkenfreie, totale Sonnenfinsternis ist wahrscheinlich das imposanteste natürliche Ereignis, das erdgebunden erlebbar ist. Während Polarlicht auf Fotos fast immer dramatischer wirkt als es für Dabeigewesene, ist die Totalitätsphase einer Eklipse das genaue Gegenteil.
Kein Einzelbild, keine Bildreihe und kein Video kann es festhalten. Unvermittelt tut sich eine Parallelwelt auf, in der die Sonne chirurgisch aus dem Himmel geschnitten ist. Sie hat die Welt im Stich gelassen, nur ein dumpfes Zwilicht aus ständig wechselnden Schatten ist übrig. Der Moment ist so schnell wieder vorbei, wie er kam. Danach scheint alles weiter zu laufen, als wäre nichts geschehen. Das abprubte, momentane Fehlen des Zentralgestirns hinterlässt keinerlei Spuren in der greifbaren Welt. Das überfordert mental, vollkommen unabhängig davon, wie naturwissenschaftlich erklärbar der gesamte Vorgang ist.
Es ist ein sinngebendes Erlebnis. Viele historischen Kulturen projizierten göttliche Strafe für menschliche Verfehlungen hinein. Für die Diné (Navajo) ist es hingegen eine Phase der kosmischen Erneuerung. Sie ziehen sich in innerer Einkehr in ihre Häuser zurück, für sie ist es ist unabgebracht, den Prozess zu beobachten. Das vom Stamm produzierte Video im Link oben enthält sogar eine Inhaltswarnung für die Fotos. Westler suchen das Ereignis hingegen. Fotografierende jagen den perfekten Standpunkt, das Ergebnis wird zur Trophäe.
Unsere Reisegruppe war sich bei der Planung tatsächlich schnell einig: Wir wollten vorrangig im Moment sein, jedes gelungene Foto würde ein Sahnehäubchen für die Reise, aber nicht ihr Ziel.
Um dem Touristen-Chaos möglichst zu entgehen, suchten wir eine ländliche Region abseits von Flughäfen und Großstädten. Das bevölkerungsarme keltiberische Bergland ist wohl überregional als „Spanisch-Lappland“ bekannt. Das allein macht die Region schon sympathisch für Besuchende aus „Württembergisch Sibirien“, noch attraktiver war aber die Position des Ortes Almazán direkt auf der Linie maximaler Totalitätsdauer. Die Hochebenen um den Ort herum boten herrlichen Aublick über die ganze Umgebung und zudem Baumschatten.

Die viereinhalb Stunden Wartezeit vergingen schneller als gedacht. 37°C Tageshoch waren knackig, aber im Schatten der Bäume mit genügend Wasser und wenig Bewegung noch aushaltbar. Ab ca. 19:30 Uhr schob sich der Mond vor die Sonne. Wer bereits partielle Finsternisse miterlebt hat, weiß, dass selbst eine stark abgedeckte Sonne kaum dunkler erscheint. Aber es wurde nach und nach etwas kühler und das Licht subtil diffuser trotz klarem Himmel. Als ca. 2/3 hinter dem Mond verschwunden waren, konnte man Sonnenbrille und Kopfbedeckung absetzen. Ziemlich genau 20:30 Uhr kam der erwartete Moment:






Die Wahl der Brennweite war während der Planung tatsächlich die unbehaglichste Entscheidung. Viele Fotografierende wollten die horizontnahe Sonne möglichst groß in eine Landschaft oder Stadtsilhouette einbinden. Im Nachhinein bin ich froh, mich doch für den 30mm Weitwinkel entschieden zu haben. So bleibt der imposante Weg des Mondschattens über den Himmel erkennbar. Die wechselnden Licht-Schatten-Verhältnisse an der Steinhütte fielen mir in der Situation kaum auf, wirken aber als Serie fantastisch.
Ich bin sehr glücklich mit dem Ergebnis, aber wie eingangs erwähnt, war das Erlebnis das Bleibende. Abgesehen von einer einmaligen Anpassung wurde nur blind auf den Auslöser gedrückt, um mit allen Sinnen im Hier-und-Jetzt präsent zu sein.
Tatsächlich kamen die Rohbilder viel zu dunkel heraus, ich hatte die Belichtungszeit nicht genug an den tiefen Sonnenstand angepasst. Nur Dank des niedrigen ISO Wertes sind die Vollauslösungen kein Rauschfest. Die auf Automatik laufende Drohne hatte es nicht so leicht, deshalb hier nur eines von den drei Einzelbildern, die brauchbar waren:

Wir selbst waren etwa hundert Meter entfernt oberhalb positioniert, wo eine alte Steinhütte die Ebene überblickt. Auch hier war vergleichsweise gut Betrieb, die Handvoll Mitmenschen wurden aus künstlerischen Gründen aus den Bildern entfernt.
Nach dem Ende der Totalität leerte sich der Berghang überrraschend schnell, obwohl die Sonne noch teilverfinstert unterging – das allein war eine bildwürdige Ansicht, die wir bis zum Ende genossen. Da die Temperaturen jetzt deutlich unterhalb der 30° lagen, hatten wir es nicht eilig, die Zelte abzubrechen.




Fazit: Haben sich die 3800km Gesamtstrecke gelohnt? Es war eine intensive Woche voller wunderbarer Momente und Orte. Unvergesslich auch ohne das kosmische Intermezzo. Aber erholsam war es eher weniger.
Wäre es die Strapazen ausschließlich für 1 Minute und 20 Sekunden Totale Sonnenfinsternis wert gewesen?
Ja.
Wieso? Dazu möchte ich ausholen.
Ich hasse den Geruch von Lavendel. Furchtbar penetrant, geht mir weg mit dem Zeug.
Die Berge um Almazán waren voll davon. Der ganze Abend roch nach Lavendel, staubiger Erde und Hitze.
Beim Schreiben dieses Artikels steht jetzt ein Lavendel-Potpourri auf dem Tisch und ich schnüffle es andächtig schmunzelnd.
Lavendel riecht immernoch unausstehlich. Aber meine Beziehung dazu hat sich verändert. Er ist jetzt ein Raum-Zeit-Reise-Kraut in eine Paralleldimension. Das ist die transformierende Macht von Ehrfurcht.
Ehrfurcht ist uns in unserer entzauberten Welt abhanden gekommen. Viele suchen den Adrenalin-Kick, der damit einher geht. Aber der sollte eigentlich kein Selbstzweck sein, nur Verstärker. Es geht vielmehr um das Erleben von Ohnmacht, Abhängigkeit und Vergänglichkeit. Vor allem für westliche Menschen mit unserem Individualismus ist das einschüchternd, weil wir all das fast nur noch in negativen Situationen erleben: bei Trauerfällen, Katastrophen oder als politisches Machtinstrument. Aber Ehrfurcht, gerade gegenüber der Natur, kann extrem ermutigend sein. Sie verortet uns in Relation zu Größerem und unsere Verbundenheit damit. Sie unterstreicht die daraus erwachsende wechselseitige Abhängigkeit und Verantwortung. Indigene Kulturen leben diese Interconnectiveness, das Deutsche hat nicht einmal ein Wort dafür.
Ehrfurcht und Interconnectiveness zurückzugewinnen ist für mich eine unerlässliche Überlebensstrategie im Angesicht ökologischer Bedrohnung und sozialer Spaltung. Und das Schöne daran: Wie Kreativität sind sie jeder Person zugänglich. Unentgeldlich und eigentlich überall. Interconnectiveness erwartet dich in jedem Unterholz, wenn du bereit bist, sehen zu lernen. Ehrfurcht ebenfalls, aber der Preis ist meist höher, beispielsweise Frieren, Schlafentzug, oft viel Zeitaufwand. Ich bin persönlich in der luxoriösen Position, für besondere Ehrfurchtsmomente reisen zu können.
Aber nötig ist das eigentlich nicht. Und es soll auch die Ausnahme bleiben.
Danke fürs Lesen.
Bonus: Nahinfrarot-Fotos unseres Standorts.
Die Farben täuschen über die unerbittliche Strahlung hinweg, die jede Bewegung in direkter Sonne zu einem Heldenakt machte.



