O-Hanami (japanisch „Blüten betrachten“) ist der Akt des Schwelgens in Kirschblüten. Eine soziale Tradition, die in Japan Menschen in öffentlichen Parks zusammenbringt, um gemeinsam die Ankunft des Frühlings und das Ende der kalten Jahreszeit zu feiern. Der kleine Park am Kreisel in Gerabronn knüpft an diese Idee an. Etwa zwei Wochen vor den einheimischen Bäumen sind drei ostasiatische Zierkirschen Anziehungspunkt für Hungrige: Insekten nach dem Winterschlaf und Menschen auf der Suche nach Licht und dem ersten Schwätzchen draußen.

Die Ecke hat sich auch zu einem beliebten Foto-Spot gemausert. Die dicht mit Blüten besetzten, aber zerbrechlichen Zweige brechen selbst harsche Mittagssonne, verändern ihre Wirkung bei jedem Windstoß und zu jeder Tageszeit. Ein dynamisches, aber geduldiges Motiv, das ich in vergangenen Jahren in jeder Wetterlage durchdeklinieren konnte.
Deshalb in diesem Frühling ein ganz anderer Ansatz: Aktuelle Objektive sind auf Abbildungsgenauigkeit und Schärfe optimiert. In einem Maß, in dem Motive, grade in Verbindung mit Focus Stacking, eher optisch seziert als künstlerisch inszeniert werden. Deshalb erfahren Objektive historischer Analogkameras zunehmend ein Revival. Ihre malerische Qualität und die hohe Lichtstärke für meist kleinen Preis ziehen auch Experimentierfreudige abseits der „Altglas“-Nischenkultur an. Trendsetter ist hier das Helios 44, ein Objektiv hergestellt in der UdSSR.


rechts: Helios 44-2 (58mm) bei f2, mit M42-Adapter an einer DSLR. Foto von 2026 mit Abendsonne.
Der Schärfebereich des Helios ist durchaus knackig, Unschärfen grade zum Rand hin aber verzerrt. Mit Glück gelingen dadurch surreale Effekte, die sonst nur mit Freelensing erzeugt werden können.
Das Helios 44-2 neigt auch zu Lensflares mit unsauberen Kanten, die in Spektralfarben brechen.


Die Nachbearbeitung betont Malerisches und Farbkontraste, da Hell-Dunkel-Abstufungen nicht die Stärke des Objektivs sind. Die Linse kann unter den richtigen Umständen sicher auch grafisch einiges, aber für das Frühlingsmotiv war es ein Genuss, die schalen Paletten auf dieser Seite des Millenniums zu vergessen und ins volle Kolorit zu gehen. Manchmal ist ein bisschen zu viel grade richtig. Wer sich an Fernsehen und Zeitschriften östlich des Eisernen Vorhangs erinnern kann, kennt solche Bilder:

Leicht entsättigt oder mit einem Farbfilter kommt der impressionistische Charakter besonders gut zur Geltung:



Warum gerade die Sowjets?
Genau genommen ist es eher deutsche Vorkriegs-Technik in russischer Verpackung. In den 1950ern adaptierte man in der Sowjetunion das populäre Biotar 2/58 von Carl Zeiss Jena aus dem Jahr 1936. Auf dessen Patent und Konstruktionspläne hatte die Besatzungsmacht nach dem Zweiten Weltkrieg Zugriff. Optisch wurde wohl quasi nichts verändert, es hieß anfangs sogar noch Biotar. Ab 1967 bis 1999 wurde es dann unter dem Namen Helios an verschiedenen Produktionsstätten in großen Mengen und verschiedenen Serien gefertigt. Es ist also keine Rarität, im Gegenteil eher eine Signatur-Porträt-Scherbe des Ostblocks.
Was ich persönlich sehr gut finde. Denn dadurch sind solche Objektive bis heute recht günstig und in guten Erhaltungszuständen zu bekommen und auch Adapter für aktuelle Bajonette von verschiedenen Herstellern existieren. Es gibt eine breitere Community mit gegenseitiger Inspiration und Beratung.
Historische Raritäten landen eher in Sammlungsvitrinen, alte Allerweltsobjekte werden benutzt.
Deshalb werde ich auch in Zukunft keine Skrupel haben, ein 55 Jahre altes Objektiv im Rucksack über Stock und Stein zu schleppen und es Wind, Regen und Schnee auszusetzen.

Interessiert an Fotografie mit Retro-Objektiven?
Einen detaillierten Geschichtsexkurs und viele weitere Beispiele für Fotografie mit „Altglas“ gibt es auf dem Blog von Daniel Kirsten. Generell muss dir klar sein: historische Objektive sind fast immer voll manuell zu bedienen, Autofokus und Belichtungsmessung funktioniert nur bei wenigen, da die Daten nicht vom Objektiv an die Kamera übertragen werden können. Ist die Entscheidung für eine bestimmte Linse oder Technik gefallen, dann sind Kleinanzeigen und Haushaltsauflösungen oft die beste Quelle. Die Idealvariante des Tests vor dem Kauf ist oft nicht möglich, daher sollte auf jeden Fall darauf geachtet werden, dass das Objektiv klar ist und keine Kratzer, Feuchtigkeit oder Pilzbefall enthält. Die Blendenlamellen sollten funktionieren und nicht verölt sein – am besten um weitere Fotos bitten, wenn die gegebenen keinen Blick komplett durch die Linse ermöglichen. Ein Preisvergleich versteht sich von selbst, wobei bestimmte Modelle wegen ihrer Beliebtheit bei den Massen zur Abzocke verdammt sind. Was vor einigen Jahren für 30-40€ zu haben war, ist jetzt eher doppelt so teuer.
Speziell für das Helios 44 gibt es noch Besonderheiten (und als Historikerin halte ich diese zu einem gewissen Grad verallgemeinerbar für Ostblock-Technik): Durch den damaligen Ressourcenmangel und veraltete Produktionsstätten weichen einzelne Objektive vergleichsweise stark voneinander ab, oft lässt sich erst im eigenen Test erfahren, ob man ein gutes Exemplar erwischt hat. Zudem lässt die Qualität in den 1980ern nach und nochmal stärker ab 1990 mit Zusammenbruch der UdSSR. Relevant ist auch der Herstellungsbetrieb:

Dann steht dem Experimentieren nichts mehr im Weg. Viel Spaß!