19. Januar
Am 18. Januar 2026 ereignete sich eine starke Eruption (X1.9) auf der Sonne. Die Protonenstürme aus solchen Ereignissen erreichen bis zu 10% der Lichtgeschwindigkeit, können die Erde also in einer halben Stunde erreichen und Tage andauern. Diese neuerliche Eruption löste einen schweren Strahlungssturm der Kategorie S4 aus, die seit Oktober 2003 nicht mehr erreicht worden war. Es war der drittstärkste je gemessene seit Beginn der Aufzeichnungen 1976. In Folge solcher Ereignisse gibt es Funkstörungen, Flugzeuge müssen um die Pole herum ihre Flughöhe herabsenken, das Personal auf der ISS den Schutzraum aufsuchen. Es besteht ein erhöhtes Risiko für Satelliten.
Protonenstürme sind also ein Ernstfall für unsere Infrastruktur! Aber sie sind eher nicht der Teil einer Sonneneruption, der für starke Polarlichter verantwortlich ist. Diese entstehen vorrangig durch die Elektronen der Plasmawelle, die meist 1-2 Tage später ankommt. Allerdings verließ dieser Masseauswurf die Sonne mit ca. 2000 km/s, erreichte uns also innerhalb eines Tages mit dem Spitzenwert von 1133km/s – als schnellster Sturm seit Beginn der Auszeichnungen.
Dadurch traf die Shockfront eines Plasmasturms zusammen mit einem auslaufenden Protonensturm. Das erzeugte Wechselwirkungen, deren visuelle Effekte eindrucksvoller waren als die Maistürme 2024, obwohl das Sturm-Maximum (KP 8.67) klar schwächer blieb.
Wie immer sei vorausgeschickt, dass ich keinen naturwissenschaftlichen Hintergrund habe. Die physikalischen Inhalte hier stammen jedoch aus fachkundigen Quellen und werden vor der Veröffentlichung von einem Astrophysiker gegengelesen. Ich selbst bin eingelesen und inzwischen auch erfahren genug, um die Messwerte zu erkennen, die für gute Fotobedingungen eintreten müssen. Das ist nicht ohne Hürden, aber auch für Nicht-Fachleute möglich. Ein Leitfaden für meine persönliche Strategie findet sich hier. Das war in diesem Fall besonders lohnend, da der Plasmasturm Stunden vor der prognostizierten Zeit eintraf.

Um nicht unnötig frieren zu müssen, wurde natürlich noch mit einschlägigen Foren wie diesem gegengecheckt. So konnte ich gemütlich 20 Minuten vor Beginn der Show am gewünschten Ort sein und diesen Zeitraffer der aufziehenden Aurora machen:
Nach einigen Dutzend Bildern zeichnete sich eine schnelle Expansion ab und der Rest des Abends wurde großen Foto-Panoramen gewidmet. An dieser Stelle vielen Dank an Familie H. aus B. für die Erlaubnis zur Nutzung des vereisten Sees als Motiv.









2026-ich: „Ach, das flackert doch nur kurz auf, dafür jetzt keine Experimente“. Soviel dazu.
Tatsächlich hatten nur zwei Bilder ausgebrannte Weißbereiche, alles andere ließ sich problemlos runterregeln. Allerdings hätten 6 statt 10 Sekunden Belichtungszeit sicher schönere Strukturen gezeigt.
Wie schon in anderen Artikeln erwähnt: Die reale Wahrnehmung von Polarlicht durch unsere Augen ist deutlich schwächer und vor allem farbärmer (siehe Rekonstruktion oben links im Vergleich zum unbearbeiteten .jpg direkt aus der Kamera). Nichtsdestotrotz waren diese Stunden voller Staunen, Ehrfurcht und Dankbarkeit für Chance, so etwas vor der eigenen Haustür erleben zu dürfen. In solchen Momenten stören auch Temperaturen um den Gefrierpunkt nicht mehr.
Es war ein Event, das auf unsere Vorfahren mangels naturwissenschaftlicher Erklärung ganz anders gewirkt hätte. Hätten sie sich in ihren Hütten versteckt, eine spirituelle Erweckung erlebt? Der blutrote Schein und die pulsierenden Felder wirkten jedenfalls zugleich bedrohlich und ermächtigend. Ein derart bunter, bewegter und heller Himmel ohne Mond und Geräusche war immens befremdlich. Vielleicht auch, weil die vergleichbaren Nächte in Norwegen von Wind und Meeresrauschen untermalt waren.



Generalprobe für die Götterdämmerung. Ja, der Impuls ganz links war im Vergleich zum Aurora-Bogen tatsächlich so intensiv. Es war an meiner Position der stärkste des Abends. Eine einminütige Slow-Motion-Explosion, die sichtbar ihre Farbe von gelbgrün nach türkis wechselte und dann abflaute. Ich war sehr glücklich, es überhaupt festgehalten zu bekomen, für ästhetischen Bildaufbau blieb keine Zeit.
Vom Ablauf her gehört dieses Aufflackern eher ins Panorama darüber, hier verweigerte die Software aber jeden Versuch des Einbaus und manuelle Versuche waren unbefriedigend.
Alle vier Einzelaufnahmen des Impulses, da nur eine fürs Panorama verwendet wurde:

Diese aufbrechenden, grün-gelblichen Flecken, die viele Menschen beeindruckten, sind vermutlich Protonen-Aurora gewesen. Es ist wohl an sich kein seltenes Phänomen, tritt aber eher nicht mit üblichem Nordlicht zusammen auf. Wie eingangs beschrieben, wird „normale“ Aurora von Elektronen ausgelöst, die vom Erdmagnetfeld abgestoßene Teilchen der oberen Atmosphäre zum Leuchten bringen. Eine Protonen-Aurora besteht dagegen, wie der Name sagt, aus Protonen, die aus dem Strahlungsgürtel der Erde fließen und so die Atmosphäre zum Leuchten anregen. Weil die sich nicht an den Magnetfeldlinien orientieren, bildet Protonen-Aurora nicht die üblichen Vorhang-Strukturen, sondern erscheint in diffusen Feldern, die auch pulsieren können.

Der Abgesang. Die Auswirkungen der Shockfront waren gegen 23:00 Uhr abgeklungen, das Nachglühen schwächte sich minütlich ab. Es wurde zwar noch eine zweite Foto-Location angesteuert, aber die Aufnahmen von Bartenstein sind zu kraftlos, um im Kreis der anderen hier mithalten zu können.
Nach dem Auftreffen einer Shockfront folgen eigentlich immer einige Stunden relativer Ruhe, bevor mit dem Eintreffen der Plasmasturm-Hauptmasse die fürs Fotografieren normalerweise besonders interessante Zeit beginnt. Diese „Flux-Rope„-Phase des Sturms ging wieder (wie gefühlt immer) an Nordamerika und Australien. Allerdings fiel sie wohl weniger intensiv aus, als erhofft. Durch das Zusammenfallen mit dem Strahlungssturm war bei diesem Ereignis tatsächlich die Shockfront visuell am imposantesten. Man könnte ausgleichende Gerechtigkeit für Europa vermuten.
Die Kirsche auf dem Sahnehäubchen des Maxi-Eisbechers war noch ein großer, grüner Meteorit, der am Nordhimmel Richtung Aurora-Schein niederging. Mir war kein Foto vergönnt, aber ich habe die Augen geschlossen und mir gewünscht, es ist sei ein Starlink.
20. Januar

Vor Sonnenaufgang am 20.01. gab es keine Aktivität mehr in Mitteleuropa. Nur ein zarter SAR-Bogen stand hoch im Nordosten. Aber für den Abend bestand wieder die Chance für Restaktivität. Nach nur zwei Stunden Nachtschlaf und wegen der frostigen Temperaturen hielt sich mein Interesse an längeren Fahrten in Grenzen, es wurde also ein Motiv im eigenen Wohnort. Die nahe Bundestraße kann störende Blendeffekte mit sich bringen, aber mit ein bisschen Glück auch das Hüttchen im Vordergrund aufwerten. Das war zumindest die Hoffnung. Und tatsächlich war das Nachglühen intensiv genug, um mit dem Kunstlicht mithalten zu können. Der konstante gelb-grünliche Schein am Nordhorizont ist nicht nur das Licht der Nachbarorte, sondern auch das nach Süden expandierende Aurora-Oval.




Zum Abschluss alle Fotos der Substorm Expansion ab 19:30 Uhr im Zeitraffer:
Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit.